Dr. Daniela Gottschlich im Interview: „Nachhaltigkeit ist im Kern ein Gerechtigkeitskonzept“

Die Preisverleihung für den Salus Medienpreis 2016 verspricht einen spannenden Abend!

Am 5. Oktober 2016 werden die Preisträger des Salus Medienpreises 2016 feierlich in München gekürt. Andreas Hoppe, vielen als Ludwigshafener Tatort Kommissar aus dem Fernsehen bekannt, wird an diesem Abend die Moderation übernehmen. An seiner Seite steht an diesem Abend nicht Ulrike Folkerts aka Lena Odenthal, sondern die Politikwissenschaftlerin und Germanistin Dr. Daniela Gottschlich. Sie wird den Abend mit einer Keynote den Abend eröffnen.

Daniela Gottschlich setzt sich schon seit Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander. Nach Vertretungsprofessuren in diesem Bereich an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Hamburg sowie der Projektleitung der Forschungsnachwuchsgruppe „PoNa – Politiken der Naturgestaltung. Ländliche Entwicklung und Agro-Gentechnik zwischen Kritik und Vision“ an der Leuphana Universität Lüneburg, lehrt sie derzeit Politische Ökologie an der Freien Universität Bozen, Italien.

Liebe Frau Dr. Gottschlich, können Sie uns Ihre drei wichtigsten Aufgaben in der Gruppe „PoNa – Politiken der Naturgestaltung. Ländliche Entwicklung und Agro-Gentechnik zwischen Kritik und Vision“ nennen?
Zusammen mit meiner Kollegin Tanja Mölders, die Umweltwissenschaftlerin ist, hab ich die Forschungsnachwuchsgruppe „PoNa – Politiken der Naturgestaltung“ geplant, das Team zusammengestellt und von 2008 bis 2014 geleitet.

Ausgangspunkt war für uns die Frage, wie die wechselseitigen Beziehungen zwischen Natur und Gesellschaft, in den Politikfeldern ländliche Entwicklung und Agro-Gentechnik gestaltet werden und inwiefern diese Gestaltung nachhaltig ist bzw. sein kann. Im Zusammenhang mit dem Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen (GVOs) werden damit Fragen aufgeworfen, die zentral für die Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse sind: Welche Landwirtschaft, welche Natur, welche Lebensmittel-, Futtermittel- und Energieproduktion will eine Gesellschaft mit Hilfe welcher Technik gestalten? Mit Hilfe welchen und wessen Wissens sollen diese Fragen beantwortet werden? Diese Fragen sind für uns im Kern politische Fragen und damit auf einer Metaebene auch Fragen nach Möglichkeiten und Grenzen einer Demokratisierung von gesellschaftlichen Naturverhältnissen. Die Antworten für eine nachhaltige Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse liegen nicht in einer industriellen Agrarwirtschaft, die auf GVOs setzt, sondern in der bäuerlichen, ökologischen Landwirtschaft, die sich am Erhalt des Lebendigen orientiert.

Wir haben uns im Forschungsprojekt auf das Experiment einer inter- und transdisziplinärer Forschung eingelassen und dabei das Wissen unserer vielfältigen Praxispartner, etwa der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) mit einbezogen.

Was sind für Sie die wichtigsten Impulse im Nachhaltigkeitsdiskurs?
Der wichtigste Impuls macht für mich das kritisch-emanzipatorische Potenzial aus, das im Nachhaltigkeitsdiskurs vorhanden ist. Nachhaltigkeit ist im Kern ein Gerechtigkeitskonzept. Es geht um eine grundsätzliche Reflexion, wo und wie wir auf Kosten anderer leben und wirtschaften. Auf Kosten von Menschen in Ländern des globalen Südens, auf Kosten derer, die unliebsame, gefährliche oder unbezahlte Arbeiten für uns übernehmen, auf Kosten künftiger Generationen, auf Kosten von Natur. Nachhaltigkeit ist damit immer auch Kritik an den herrschenden ungerechten Verhältnissen, die es zu verändern gilt. Und dafür braucht es mehr und anderes als ökologische Modernisierung.

Wie bauen Sie eine nachhaltige Lebensweise in ihren Alltag ein?
Ich versuche, die Kluft zwischen Theorie und Praxis klein zu halten. Das gelingt nicht immer. Ich lehre derzeit an der Freien Universität Bozen in Italien und nehme von Lüneburg den Zug und nicht das Flugzeug, auch wenn es 11 Stunden dauert. Ich kaufe in der Mehrzahl Nahrungsmittel aus ökologischem und regionalem Anbau, außerdem esse ich, seitdem ich 14 Jahre alt bin, vegetarisch. Bei Kosmetik und Putzmitteln achte ich darauf, dass die Produkte möglichst umweltschonend bzw. biologisch abbaubar sind und unser Haushalt verwendet nur Ökostrom.

Da die Frage nach Gerechtigkeit geht für mich über eine ökologisch gerechte Lebensweise hinaus. Daher engagiere mich zusätzlich auch in einer Lüneburger Initiative, die Geflüchtete unterstützt, und habe gerade die Vormundschaft für einen minderjährigen jungen Geflüchteten beantragt.

Was begeistert Sie am meisten an der Arbeit an Hochschulen und mit Studenten?
An der Hochschule treffe ich auf Menschen, die aus freien Stücken dort sind und die in der Regel zudem höchst intrinsisch motiviert sind. Es macht mir große Freude, Studierende beim forschenden Lernen zu begleiten, ihre Neugierde zu wecken und sie zu ermutigen, vermeintlich Selbstverständliches in Frage zu stellen. Nur selbst denken macht klug. Kritische Theorien – wie z. B. Politische Ökologie, feministische und postkoloniale Theorien – zu lehren, begeistert mich. Sie helfen, unseren Blick zu schulen, um Herrschaftsverhältnisse im Großen und Kleinen aufzudecken und an Alternativen zu arbeiten.

Wir danken Dr. Daniela Gottschlich herzlich für das Interview und freuen uns schon auf ihre Keynote zur Salus Medienpreis Verleihung am 05. Oktober 2016 in München! 


Der Salus Medienpreis 2016

Salus zeichnet journalistische und publizistische Beiträge aus, die sich kritisch mit den Risiken von Agro-Gentechnik auseinandersetzen und die Chancen einer ökologischen und gentechnik-freien Landwirtschaft beleuchten. Der Salus Medienpreis ist insgesamt mit 8.000 Euro dotiert, davon 6.000 Euro für den Haupt- und 2.000 Euro für den Nachwuchspreis.

Bis zum 06. Juni 2016 können noch Beiträge aus Print- und Onlinemedien, Hörfunk, Fernsehen und Bücher, die im Zeitraum vom 01. Juni 2015 bis 31. Mai 2016 veröffentlicht wurden, für den Salus Medienpreis eingereicht werden. Die Preisverleihung findet am 05. Oktober 2016 im Hilton Munich Park in München statt.

Ihr kennt jemanden, der unbedingt mit dem Salus Medienpreis ausgezeichnet werden sollte? Dann schreibt uns schnell an salus-medienpreis@sieben-siebzig.de

Weitere Informationen, die ausführlichen Teilnahmebedingungen sowie das Bewerbungsformular finden sich unter salus-medienpreis.de


Photocredits: Leuphana Universität Lüneburg